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Neueste Erkenntnisse

Cappel. Monatelang hat er alte Kirchenakten durchstöbert und Fachbücher gewälzt. Was der ehemalige Pastor und Kunsthistoriker Dr. Dietrich Diederichs-Gottschalk jetzt zum 200-jährigen Jubiläum der Aufstellung der Cappeler Arp-Schnitger-Orgel über die Geschichte des Instruments zutage brachte, lässt die Cappeler Orgel noch mehr in strahlendem Licht erscheinen.

Nur acht Monate hätte der Ankauf der Orgel, ihr Transport von Hamburg nach Cappel und der Wiederaufbau durch den Stader Orgelbauer Johann Georg Wilhelm (1781-1858) gedauert, weiß Diederichs-Gottschalk. So erklang die Orgel in Cappel zum ersten Mal im Gottesdienst am 4. Advent 1816. Der Cappeler Organist Conrad Gehlcke (1773-1858) sei damals wohl am n Ziel seiner jahrelangen Bestrebungen angelangt, betont Diederichs-Gottschalk. Genau sechs Jahre zuvor, am 18. Dezember 1810, brannte die Cappeler Kirche mit ihrem wertvollen Inventar der Renaissance- und Barockzeit vollkommen aus. Am meisten trauerte die Gemeindewohl um den Verlust ihrer neuen Orgel, die Wilhelm in den Jahren 1800/01 errichtete und wofür das Kirchspiel 1300 Reichstaler in Gold hatte aufbringen müssen. Erst fünf Jahre später gelang es der Gemeinde, ihr Gotteshaus wiederaufzubauen. Allerdings war nicht mehr genug Geld für eine neue Orgel da. Günstige Umstände führten dazu, dass die Cappeler die außerordentlich gut erhaltene und äußerst kunstvoll verzierte Schnitger-Orgel aus der Johanniskloster-Kirche in Hamburg für 600 Louisdor erwerben konnten. Vor allen Dingen die Freundschaft zweier kompetenter Männer spielte dabei eine große Rolle. „Johann Georg Wilhelm kannte das ausgebaute Orgelwerk, es war ihm vorher zum Kauf angeboten worden“, so Diederichs-Gottschalk. Er vermittelte das Instrument an die Kirchengemeinde, in der sein Freund Conrad Gehlcke Organist war. „Und welch prächtiges Instrument haben sie erworben“, schwärmt der Kunsthistoriker. Denn nicht nur das Werk besticht durch seine Stimmenfülle, sondern auch der Orgelprospekt, also das Gehäuse, zeuge von großem künstlerischen Können, schwärmt der Kunsthistoriker. Der Bildschnitzer Christian Precht (ca. 1635 – 1694/95) gehörte in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts zu den führenden Künstlern in Hamburg. Das Besondere an dem Prospekt der Cappeler Orgel sei der besondere Stil, den Precht hier für seine Schnitzereien entfaltet hätte. Zum einen bildet er durch die Groteske – da sitzen auch schon einmal kleine Drachen in der Blütenpracht - eine ironische Distanz zu dem hehren Zweck einer solch großartigen Orgel, zum anderen sticht eine weltliche Fülle barocker Früchte und Blüten ins Auge. Die Engel, die in dem Unterzug des Rückpositivs mit leicht verdrehten Augen ihren tragenden Dienst tun, erinnern dagegen sehr an gelangweilte Schüler und der schreiende Engel oben am Hauptturm spricht ebenfalls eine sehr weltliche Sprache. „Christian Precht ist damit in mehrfacher Hinsicht ein bildhauerisches Meisterwerk gelungen, das im Orgelprospektbau keine Parallelen hat“, ist sich Diederichs-Gottschalk sicher. Somit sei ein bedeutendes Stück Hamburgischer, norddeutscher Kulturgeschichte ist in Cappel bewahrt geblieben. ul